2statt4 Gleise für mehr Natur und Wohnkultur

Zweigleisig – der FAZ Artikel vom 24.08.2009

25. August 2009 · 1 Kommentar

Am 24. August 2009 veröffentlichte die FAZ zwei Leserbriefe. Im ersten Leserbrief spricht sich Herr Dr. Wolfhart Burdenski aus Berkersheim wegen der angeblich notorischen Unpünktlichkeit der S 6 für den Ausbau aus und äußert sein Bedauern, daß die Strecke nicht schon vor 30 Jahren und zu damals geringeren Kosten gebaut wurde. Im zweiten Brief fragt sich Herr Nikolaus Jöckel, warum die „Besserverdienenden entlang der Main/Weser-Bahn nicht gleich den Komplettabriss der Strecke“ fordern. Er wirft den Bewohnern auf „Berkersheims Höhen“ vor, weiterhin in ihrem „Dornröschenschlaf“ verharren zu wollen und beklagt einen Mangel an „gelebter gesellschaftlicher Solidarität“. Ungeachtet dessen wünscht er sich, daß die Besserverdienenden wegen des befürchteten Wertverlusts ihrer Immobilien gegen die Deutsche Bahn klagen, um im Erfolgsfall diese juristische Auseinandersetzung als Präzedenzfall für die Bürger unter den An- und Abflugschneisen des Flughafens zu nutzen….

Sehr geehrte Damen und Herren,

die Leserbriefbeiträge von Herrn Joeckel aus Offenbach und Herrn Dr. Burdenski aus Frankfurt zeugen von erheblichen Informationslücken und bedürfen deshalb einer Antwort und Richtigstellung:

Selbstverständlich wäre den Anwohnern – und beileibe nicht nur den Besserverdienenden – ein vollständiger Abriss der Main-Weser-Bahn am liebsten, schließlich durchschneidet die Strecke auf Frankfurter Gebiet am Frankfurter Berg, in Berkersheim, Bonames, Eschersheim, Ginnheim und Bockenheim den Grüngürtel, eine in der gesamten Bundesrepublik einzigartige Naherholungslandschaft. (Mir war bislang nicht bekannt, daß in allen diesen Stadtteilen nur Besserverdienende leben. Ich lassen mich aber gern vom statistischen Amt der Stadt Frankfurt eines Besseren belehren). In seinem Zorn übersieht Herr Jöckel aber, daß die Anwohner der Strecke noch nicht einmal ansatzweise von einem nächtlichen Fahrverbot für Züge, insbesondere Güterzüge, zu träumen wagen, wohingegen die Bürger Offenbachs sich berechtigte Hoffnungen auf ein Nachtflugverbot machen dürfen.

Soweit Herr Dr. Burdenski sich über die gestiegenen Kosten beschwert, sei hiermit klargestellt, daß ein Großteil dieser Kosten auf Lärmschutzmaßnahmen entfällt, die das Eisenbahnbundesamt als Planfeststellungsbehörde – und indirekt auch das Land Hessen als Besteller der S-Bahn – den Anwohnern im Planfeststellungsbeschluß 2004 noch verweigert hat. Erst durch die Klagen mehrerer Anwohner stellte sich heraus, daß die DB AG als diejenige, die die Pläne erstellt hat, falsche Prognosezahlen zugrundegelegt hat. Der Bundesverkehrswegeplan 2015 geht nämlich jetzt schon davon aus, daß nächtens, also zwischen 22.00 Uhr und 06.00 Uhr 47, Güterzüge mit bis zu 140 km/h über die Strecke rasen dürfen.

Mit dem jetzt veröffentlichten Planänderungsbeschluß wurden die dafür erforderlichen Lärmschutzmaßnahmen erst festgestellt. Man mag sich gar nicht vorstellen, welche Situation sich ergeben hätte, hätten sich hier nicht einige Anwohner gewehrt.

Dabei steht jetzt schon fest, daß auch die nunmehr vorgesehenen Maßnahmen zu erheblichen Teilen ein „Fake“ sind. Abgesehen davon, daß für das Jahr 2025 eine im Vergleich zu 2015 um 60 % höhere Auslastung erwartet wird, was derzeit noch gar nicht berücksichtigt wird, profitiert die DB AG nicht nur von dem – auf zweifelhaften Studien aus den 70er Jahren beruhenden –  Schienenbonus, wonach Schienenlärm angeblich als weniger störend empfunden werde als jeder andere Lärm (wer das heute noch behauptet, möge seinen Wohnsitz in die unmittelbare Umgebung einer nachts von Güterzügen befahrenen Strecke verlegen), sondern auch von dem sogenannten „Besonders überwachten Gleis“. In der Theorie sollen alle Gleise auf den Grad ihrer Abnutzung hin überwacht und gegebenenfalls innerhalb kurzer Zeit nachgeschliffen werden. Diese – ausgesprochen lärmintensiven – Schleifarbeiten sollen übrigens in den verkehrsärmeren Zeiten, also vorrangig nachts ausgeführt werden. Soviel zur geschützen Nachtruhe entlang der Main-Weser-Strecke und der gelebten gesellschaftlichen Solidarität …

Die Pünktlichkeit der S-Bahn-Züge würde sich übrigens auch nach einem Ausbau nicht wesentlich verbessern. Herr Dr. Burdenski übersieht, daß der neuralgische Punkt für fast alle S-Bahnen nicht die zweigleisige Bahnlinie durch das Niddatal ist, sondern der Stammtunnel in der Innenstadt, dessen Kapazität ausgeschöpft ist. Wollte man ernsthaft für einen pünktlicheren S-Bahn-Verkehr sorgen, müßte man den Verkehr entzerren und beispielsweise einen in Nord-Süd-Richtung verlaufenden S-Bahn-Tunnel bauen mit einer zentralen Umsteigebeziehung an der Hauptwache.

Abschließend sei angemerkt, daß sich die Anwohner an der Main-Weser-Strecke schon damit zufrieden geben würden, wenn nur noch die S-Bahn führe, gleichgültig wie pünktlich sie wäre. Ein Komplettabriss müßte also gar nicht sein…

Beste Grüße

I. Häußler

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1 Antwort bis hierher ↓

  • Peter H. // 25. August 2009 um 17:41 | Antworten

    Es ist immer wieder interessant zu sehen, wer da welche Behauptungen in die Welt setzt. In Berkersheim wohnen also nur Besserverdiener???
    Eine interessante Behauptung!
    Es geht nicht nur um den Wertverlust Herr Jöc kel, sondern um Lärm, der Stress verursacht und im Grunde auch als Körperverletzung gedeutet werden könnte.
    Warum sollte Güterverkehr durch Wohngebiete und durch ein Naturschutzgebiet wie hier geleitet werden?
    Wenn der Güterverkehr eine neue, andere Strecke bekommt, dann kann ihre S6 bleiben.

    Ich frage mich in der Tat, warum hauptsächlich Pro-Bahn Leserbriefe abgedruckt werden und dann noch mit solchen dämlichen Inhalten???

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